4 Fragen an Jakob Reithmann, MEAG MUNICH ERGO Kapitalanlagegesellschaft mbH
Christian Walburg
Verband deutscher Pfandbriefbanken
Die Unsicherheit und Volatilität an den Märkten sind seit Anfang März besonders ausgeprägt. Was lässt Sie dennoch gut schlafen? Haben wir das Stimmungstal schon durchschritten?
Jakob Reithmann
MEAG MUNICH ERGO Kapitalanlagegesellschaft mbH
Als Covered-Bond-Investor schläft man in volatilen Phasen grundsätzlich etwas ruhiger als viele andere Marktteilnehmer. Die Struktur des Pfandbriefs hat sich über Jahrzehnte und unterschiedlichste Krisen hinweg bewährt und fungiert deshalb nach wie vor als verlässlicher Anker – gerade dann, wenn andere vermeintliche Zufluchtsorte ihre Stabilität verlieren.
Ob wir das Stimmungstal bereits vollständig durchschritten haben, würde ich allerdings nicht mit Sicherheit sagen. Die geopolitische Lage bleibt fragil und die Märkte reagieren wieder deutlich sensibler auf Inflations-, Wachstums- und Fiskalthemen. Gleichzeitig sprechen die stabile Qualität der Deckungsstöcke und die robuste Investorennachfrage dafür, dass wir uns eher in einer Phase der Normalisierung als am Beginn einer neuen Stressphase befinden. Die Volatilität dürfte bleiben – die Fundamentaldaten des Pfandbriefmarktes sind aus unserer Sicht jedoch weiterhin sehr solide.
Christian Walburg
Verband deutscher Pfandbriefbanken
Mit Blick auf das zweite Halbjahr und einschlägige Kennzahlen wie Inflation, Zentralbankzinsen und Renditen am langen Ende - was ist das Basisszenario der MEAG?
Jakob Reithmann
MEAG MUNICH ERGO Kapitalanlagegesellschaft mbH
Unser Basisszenario bleibt das einer Stabilisierung. Für die Eurozone erwarten wir 2026 ein verhaltenes Wachstum von 0,4 % und eine Inflation von durchschnittlich rund 3,0 %. Vor diesem Hintergrund halten wir es für gut möglich, dass auf den Zinsschritt im Juni bis zum Jahresende noch ein weiterer folgt. Am langen Ende rechnen wir weiterhin mit einem erhöhten Renditeniveau. Für die zehnjährige Bundesanleihe liegt unsere Prognose zum Jahresende bei 3,3 %. Höhere Staatsausgaben und ein steigendes Emissionsvolumen sprechen dafür, dass die Renditen auch künftig über den Niveaus der vergangenen Dekade bleiben. Für Covered-Bond-Investoren bleibt das Umfeld aus unserer Sicht attraktiv: Solide Fundamentaldaten treffen auf eine günstige Angebots- und Nachfragedynamik sowie ein Rendite- und Spreadniveau, das selbst bei sehr hoher Kreditqualität weiterhin interessante laufende Erträge ermöglicht.
Christian Walburg
Verband deutscher Pfandbriefbanken
Welche Chancen sehen Sie in einer möglichen Erhöhung des Beleihungswertes von Wohnimmobilien von 60 auf 80 %? Sehen Sie Risiken für die buyside?
Jakob Reithmann
MEAG MUNICH ERGO Kapitalanlagegesellschaft mbH
Viele Covered-Bond-Märkte arbeiten bereits heute mit höheren LTV-Grenzen, sodass eine Anhebung auf 80 % keine grundsätzliche Neuerung wäre. Erfahrungen aus diesen Märkten deuten darauf hin, dass dies die Refinanzierungsflexibilität der Banken erhöht, den Kreis potenzieller Kreditnehmer erweitert und zusätzliche Pfandbriefemissionen erleichtern kann.
Das Risiko für die Buy-Side liegt vor allem darin, dass ein Teil des konservativen Sicherheitspuffers verloren geht. Der Beleihungsauslauf allein erzählt jedoch nur einen Teil der Geschichte. Entscheidend ist letztlich die Qualität der Deckungsstöcke. Hier könnten granularere Pooldaten und mehr Transparenz wichtige zusätzliche Erkenntnisse für Investoren liefern.
Christian Walburg
Verband deutscher Pfandbriefbanken
Noch ein Blick in die Zukunft – ist es vorstellbar, dass Pfandbriefe teurer als deutsche agencies oder Länder notieren?
Jakob Reithmann
MEAG MUNICH ERGO Kapitalanlagegesellschaft mbH
Ja, zumindest punktuell und in einzelnen Laufzeiten halte ich das für durchaus vorstellbar. Der Pfandbrief bietet Investoren eine einzigartige Kombination aus hoher Kreditqualität, regulatorischer Privilegierung und historisch außergewöhnlicher Stabilität. Hinzu kommt die meist deutliche Überdeckung der Deckungsstöcke. Für Investoren müssten typischerweise mehrere Stressfaktoren gleichzeitig eintreten – etwa ein Emittentenausfall und erhebliche Verwerfungen am Immobilienmarkt –, bevor die Deckungswerte ernsthaft in Frage gestellt würden.
Dauerhaft und über den gesamten Markt hinweg wäre ich allerdings zurückhaltender. Staatsanleihen und staatsnahe Emittenten profitieren weiterhin von regulatorischen Vorteilen und oftmals höherer Liquidität. Zudem verfügen Staaten über fiskalische und regulatorische Instrumente, um auf wirtschaftliche Herausforderungen zu reagieren. Dennoch zeigt die aktuelle Marktstruktur, dass die traditionelle Hierarchie nicht mehr selbstverständlich ist. In einer Welt höherer Staatsverschuldung und zunehmender Spread-Differenzierung kann ich mir durchaus vorstellen, dass einzelne Pfandbriefe zeitweise teurer als vergleichbare Agencies oder Länder notieren.
Christian Walburg
Verband deutscher Pfandbriefbanken